Wie bekommt man eine Glutenunverträglichkeit (Zoeliakie)?

Gastbeitrag von Dr. med. Reinhard Schmelcher

Endlich, nach so langer Zeit und so vielen Leiden unzähliger Menschen, ist die Ursache der Glutenunverträglichkeit bekannt: Eine Forschergruppe aus Chicago um Prof. Jabri hat zweifelsfrei nachgewiesen, dass der Auslöser eine Infektion mit Reo-Viren im Darm ist, die die Dünndarmschleimhaut auf Gluten/Gliadin sensibilisieren. Reo-Viren wurden bisher als harmlos angesehen, das sind sie aber offensichtlich nicht! Die Zusammenhänge können Sie hier nachlesen https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/74085/Virusinfektion-des-Darms-koennte-Ausloeser-der-Zoeliakie-sein.

Die Glutenunverträglichkeit führt zu einer Schädigung der Dünndarmzotten, die für die Resorption der Nahrung verantwortlich sind. Die Schädigung kann sehr weit gehen, die Folgen sind Übelkeit, Leibschmerzen, Blähungen, Durchfälle, häufige Stuhlentleerungen in kleinen Mengen und Resorptionsstörungen, die z.B. bei Kindern zu schweren Entwicklungsstörungen führen. Die Erkrankung ist also nicht familiär, nicht angeboren, nicht genetisch, aber wohl übertragbar!

Leider sind die angebotenen Nachweise aus dem Blutserum unzuverlässig. Beweisend ist die Dünndarmbiopsie, bei der die Schädigung und Verminderung der Darmzotten nachgewiesen wird, diese wird aber heute selten durchgeführt. Sonst bleibt bei Verdacht nur die mehrwöchige Auslassdiät, also der vollständige Verzicht auf alle Getreideprodukte, fast aller Süßwaren und Fertiggerichte und leider auch auf Bier. Denn sämtliche Getreide, nämlich Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Dinkel enthalten Gluten! Immer, wenn Sie, auch nur in geringen Mengen, Gluten zu sich nehmen, müssen Sie wieder mit heftigen Symptomen rechnen, auch wenn es mal ein oder zwei Tage gut zu gehen scheint. Ein kleines Bierchen mag gehen, wieder ein kleines Bierchen am nächsten Tag geht nicht.

Der Verzicht ist einschneidend: Kohlenhydrate können Sie nur über Kartoffeln und Reis und Mais zu sich nehmen (Vorsicht, fertige Pommes frites z. B. enthalten sehr wohl Mehl!). Das bedeutet, dass Sie Ihre Mahlzeiten meist selbst zubereiten müssen, aber dann wissen Sie auch, was Sie essen!  Es ist mir vollkommen klar, wie schwierig es wird, wenn Sie außerhalb des Hauses arbeiten. Wir beabsichtigen, Ihnen eine Reihe von Rezepten zu geben, die Ihnen dies erleichtern können.

Früchte und Gemüse enthalten kein Gluten.

Die Glutenunverträglichkeit ist viel weiter verbreitet, als man meinen sollte, viele Betroffene und leider auch viele Ärzte wissen zu wenig davon. Darwin beispielsweise litt zeitlebens unter schwerer Übelkeit und Störungen der Darmtätigkeit, wahrscheinlich war es eine Glutenunverträglichkeit, die damals allerdings noch nicht bekannt war, heute aber jedem Arzt geläufig sein sollte.

Eine medikamentöse Therapie gibt es nicht. Eine Impfung ist in weiter Ferne.

Wie bei anderen Krankheitsbildern, deren Ursache lange nicht bekannt war und die deshalb unsinnigerweise häufig als „psychisch“ angesehen wurden, stellt sich endlich eine infektiöse Ursache heraus. Denken Sie an das Magengeschwür, früher das klassische Beispiel einer psychosomatischen Krankheit, aber ausgelöst durch das Bakterium Campylobakter pylori. Es hat Jahre gedauert, bis das in der Medizin allgemein  akzeptiert war und jetzt antibiotisch erfolgreich behandelt wird. Oder denken Sie an den Gebärmutterhalskrebs, ausgelöst durch Humane Papillomviren, für die es inzwischen eine Impfung im frühen Mädchenalter gibt.

René Avold (Dr. med. Reinhard Schmelcher)

Ölgemälde René Avold – drinking girl

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